Liebe Hunde- und Katzenbesitzer,

sind Sie auch so verblüfft darüber, dass sich das Jahr bereits seinem Ende neigt? Ohne jede Vorwarnung steht ganz plötzlich Weihnachten vor der Tür. Ich muss mir unbedingt Gedanken darüber machen, welche Geschenke ich besorge, was ich an den Feiertagen kochen werde und wo ich den Jahreswechsel verbringen möchte.

Denn nicht nur die besinnliche Adventszeit, auch der Übergang in ein hoffentlich gesundes und erfolgreiches 2017 will geplant sein. Was bei mir schon lange nicht mehr dazu gehört: Raketen, Knaller und Co. Natürlich habe auch ich als Kind bewundernd in den Himmel geschaut, als sich Punkt 24 Uhr zahlreiche Lichter ihren Weg durch die Nacht bahnten. Angesehen war, wer den lautesten Chinaböller krachen ließ – ich beschränkte mich lieber auf die ungefährlicheren Knallfrösche.

Heute weiß ich, dass wir Menschen zwar ganz viel Freude beim alljährlichen Silvesterfeuerwerk empfinden, es aber Lebewesen gibt, die sich dem Weltuntergang nahe fühlen. Unsere Haustiere können natürlich nicht verstehen, was es mit unserer Tradition, die Nacht akustisch zum Krieg zu machen, auf sich hat. Ein Großteil der Hunde und Katzen (und natürlich auch der anderen Haus- und Wildtiere) leidet sehr unter dem, was für uns ein großer Spaß ist. Viele Menschen verzichten deswegen bereits auf den Kauf von Feuerwerksartikeln, ganz vermeiden lässt sich dieser Brauch aber wahrscheinlich nicht. Deswegen möchte ich heute einige Informationen zum Thema Geräuschangst an Silvester und Tipps zum Umgang weitergeben.

Die Angst ist eigentlich eine ganz natürliche und wichtige Reaktion von Mensch und Tier auf Gefahr. Der Körper produziert verschiedene Hormone (unter anderem Adrenalin, etwas später Cortisol). Er ermöglicht so, sich, wenn möglich, in Sicherheit zu bringen. Hunde, die beim Spaziergang von Knallern erschreckt werden, laufen dann häufig blind davon. Ist das nicht möglich (weil man aus einer Wohnung eben nicht einfach davon laufen kann), gibt es eine zweite Möglichkeit, auf diesen Stress zu reagieren. „Freeze“, also Einfrieren, heißt eine andere, in Fachkreisen bekannte, Antwort auf Gefahr. Unsere Vierbeiner sind in ihrer Angst bewegungsunfähig, sie erstarren, leiden aber trotzdem stark. Dazwischen gibt es noch viele Abstufungen. Manch ein Vierbeiner dreht seine Runden in der Wohnung, ohne Ruhe zu finden. Ein anderer sucht ganz intensiv die Nähe zum Herrchen oder versucht, Löcher ins Sofa zu graben, um hier Schutz zu finden. Wichtig dabei: Sie kennen Ihren Liebling am besten und können einschätzen, ob er entspannt ist oder sich fürchtet!! Ängste durchzustehen ist eine Qual. In jedem Fall sollten Gegenmaßnahmen (siehe unten) getroffen werden!!

Ronja leidet an Silvester an großen Ängsten, Romi ist tiefenentspannt

Nun ist nicht jedes Haustier gleich ängstlich, wenn es um unübliche (oder auch ganz normale) Geräusche geht. Nicht für jeden Stubentiger oder Sofawolf bricht automatisch die Welt zusammen, wenn draußen das neue Jahr eingeläutet wird. Woher stammen diese individuellen Unterschiede?

Einen gewissen Anteil kann man der Veranlagung beimessen. Verschiedene Rassen (beim Hund zum Beispiel der Border und Bearded Collie, aber auch der Deutsche Schäferhund) sind genetisch prädisponiert, empfindlich auf Geräusche zu reagieren.

Gegen die Genetik kann man natürlich nicht viel machen, aber auch andere Faktoren begünstigen die Geräuschsensibilität. Hunde und Katzen durchleben eine sehr sensible Phase in ihren ersten Lebenswochen (Hund erste 14 Wochen, Katze erste 7 Wochen). Diese heißt „Sozialisierungsphase“. Hier werden alle Umweltreize ganz intensiv auf- und wahrgenommen und der soziale Umgang mit anderen Lebewesen gelernt. Alles, was in dieser Zeit als normal gilt, gerät erst einmal nicht so schnell ins Wanken. Deswegen ist es sinnvoll, mit einem neuen Schützling eine Welpenspielstunde zu besuchen. Nicht nur der Kontakt mit Artgenossen steht hier im Vordergrund. In einer guten Hundeschule werden die Zwerge behutsam an verschiedene Reize herangeführt, mit denen sie zukünftig souverän umgehen. Wachsen unsere Haustiere jedoch sehr reizarm auf, so fehlt es an derartigen, positiven Verknüpfungen. Bisher unbekannte, laute und/oder ungewöhnliche Geräusche werden als Bedrohung eingeordnet und verursachen eine Angstreaktion. Besonders anfällig sind Hunde und Katzen während der Pubertät bzw. im ersten Lebensjahr.

Glück gehabt! Romi, Schäfermix, verbrachte ihre ersten Monate auf Rhodos & bewahrt an Silvester die Ruhe

Auch wir Halter können ein solches Verhalten auslösen oder verstärken. Konflikte in der Hund/Katze- Halter Beziehung, sowie unsachgemäßes Handling (Zwang, psychische und körperliche Gewalt) und ein Mangel an Auslastung können emotionalen Stress auslösen, der das Entstehen von Ängsten begünstigt. Zu guter Letzt sollte man auch den gesundheitlichen Aspekt nicht vernachlässigen. Schmerzen/Erkrankungen können Auslöser für bisher nie da gewesene Angstreaktionen sein.

Egal, woher die Angst vor dem durch uns Menschen zelebriertem Feuerwerk stammt. Es gibt eine große Gemeinsamkeit: Die Symptome verschlechtern sich in der Regel von Jahr zu Jahr. Nicht nur die Knallgeräusche, auch die Lichter und der typische Geruch rufen häufig eine Reaktion hervor. Deswegen ist es dringend anzuraten, bereits sehr früh entgegenzuwirken. Dafür gibt es verschiedene Therapie- Ansätze, die oft kombiniert werden.

Eins sei vorweggenommen… Angststörungen sind bei unseren Haustieren nicht heilbar. Durch ein möglichst frühzeitig beginnendes Training kann man die Symptome aber mindern und das Wohlbefinden steigern.

Schon Monate vor dem Jahreswechsel sollte mit einer Desensibilisierung und Gegenkonditionierung begonnen werden. Das heißt: die bisherige Lernerfahrung (das Feuerwerk als Auslöser von Todesangst) wird abgeschwächt und statt dessen mit etwas positivem verknüpft. Über verschiedene Geräusch- Cds oder das Internet spielt man dabei Knaller- und Raketengeräusche ab. Die Lautstärke darf sich dabei nur in dem Umfang bewegen, dass unser Vierbeiner etwas wahrnimmt, aber noch nicht panisch reagiert. Er muss noch in der Lage sein, Futter aufzunehmen. Das darf gerne etwas ganz besonderes sein. Denn so heißt die neue Lernerfahrung:“ Toll, Feuerwerk, es gibt was leckeres zu Essen!“. Die Lautstärke wird dann nach und nach erhöht. Das klingt sehr einfach, erfordert aber viel Training und Geduld. Jede negative Erfahrung kann bisherige Erfolge schmälern, was sicher häufig frustrierend ist. Obwohl diese Trainingsmethode in der Regel langfristig zum Erfolg führt, gibt es keine Garantie dafür, dass in der Silvesternacht alles problemlos abläuft.

Deswegen gibt es noch ein paar weitere Tricks und Kniffe, wie man seinem Schützling besagte Nacht erleichtern kann.

Angemessene körperliche und geistige Arbeit löst Entspannung aus. Das Erregungslevel sollte dabei niedrig gehalten werden. Suchspiele mit langen Belohungsintervallen sind zum Beispiel sehr gut geeignet und reichen manchmal schon als Ablenkung vom großen Krach (Hunde sollten um den 31.12. auf keinen Fall abgeleint werden!! Für Freiraum sorgen Brustgeschirr und Schleppleine!).

Suchspiele können eine gute Ablenkung darstellen

Auch Kauartikel oder Futterspielzeuge können manch einen Vierbeiner auf andere Gedanken bringen. Im Haus sollten Gardinen und Rollläden geschlossen werden. Laute Musik wirkt zusätzlich als „Geräuschpuffer“. Wenn Hund oder Katze menschliche Nähe suchen, sollte man diese gewähren. Durch eine positiv belegte Bindung zum Halter wird nämlich Oxytocin ausgeschüttet, unsere Vierbeiner fühlen sich beschützt. Ziehen sie sich allerdings zurück, sollte man ihnen ihre Ruhe lassen. Zu große Aufmerksamkeit und Mitleid bestärken Tiere in ihrer Angst. Fensterlose Räume oder abgedunkelte Boxen können ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Besonders günstig ist es, wenn man diese Orte bereits im Vorfeld als Entspannungsplätze konditioniert hat.

Es gibt zusätzlich spezielle Methoden, um direkt am Körper eine Entspannung zu bewirken. Dabei muss beachtet werden, dass die Anwendung im Vorfeld trainiert werden sollte. Körperbandagen und das Thundershirt beruhigen durch leichten Druck. So genannte Calming Caps (eine Art Mützen, die über die Augen reichen), filtern einen Teil der optischen Umgebungsreize und senken so das Stresslevel. Spezielle Ohrstöpsel und Kopfhörer halten laute Geräusche fern.

Körperbandage, https://i.ytimg.com/vi/N83oXBZy0KM/maxresdefault.jpg

Zusatzfuttermittel wie Zylkene und Relaxan können den beruhigenden Effekt unterstützen, genauso wie verschiedene Pheromonpräparate.

Wenn alle Maßnahmen, auch in Kombination, nicht zum Erfolg führen, ist der Einsatz von Medikamenten möglich. Es ist dabei dringend anzuraten, einen Spezialisten (Fachtierarzt für Verhaltenskunde) aufzusuchen. Viel zu oft werden vom Haustierarzt noch Mittel verschrieben, die die Haustiere zwar körperlich ruhigstellen, aber nicht psychisch entspannen. Alle Reize werden dann verstärkt, aber bei Bewegungsunfähigkeit wahrgenommen. Die Angst steigt letztendlich enorm.

Das war jetzt ganz schön viel Input oder? 😉

Aber glauben Sie mir, unsere Vierbeiner sind es wert, dass wir uns mit dieser Thematik so intensiv beschäftigen.

Vielleicht verzichten Sie ja in diesem Jahr auch auf den Kauf von Feuerwerksartikeln und investieren statt dessen in Thundershirt und Co… Oder spenden an einen lokal ansässigen Tierschutzverein?! 🙂

Eine besinnliche Weihnachtszeit und einen entspannten Rutsch für Sie und Ihre Vierbeiner wünschen Ihnen

Lisa Walther und ihr Römchen